„Vielleicht brauchen wir irgendwann einen dritten Standort?“

 

Die Hochschule Darmstadt wächst mit hohem Tempo. Rund 185 Millionen Euro wurden und werden bis 2025 in Um- und Neubauten investiert. Trotz enormer Verdichtung stößt der Campus Schöfferstraße jedoch an Grenzen. h_da- Kanzler Norbert Reichert denkt über Ausweichmöglichkeiten nach.

Die Architekten gehen unter die Erde. Da wo zuvor Kellerwände standen, pfeift nun der kalte Wind durchs offene Untergeschoss. Betonpfeiler zeigen an, wo künftig Fenster und Schächte die Helligkeit hereinlassen. Eine Kuppel wie im Frankfurter Städel wird es nicht werden, "aber eine Art Laterne", schwärmen Katharina Körber und Fabian P. Dahinten und meinen die Rundumverglasung des neuen Treppeneingangs, die den Keller mit Licht fluten soll. Die beiden Masterstudierenden haben zusammen mit Prof. Mathias Lengfeld geplant, was seit etlichen Monaten im Bau ist: Das neue Lernzentrum des Fachbereichs Architektur im Keller des Atriums auf dem Campus Schöfferstraße.

"Das waren zugestellte Lager. Tagelang haben wir hier mit 20 Kommilitonen alles ausgeräumt", erzählt Katharina Körber. Die Studierenden packen mit an. Sie haben nicht nur die Raumpläne und das Mobiliar entworfen, sondern Fabian P. Dahinten hat auch die Bauleitung für das Projekt übernommen, das 2017 auf rund 320 Quadratmetern Lern- und Recherche-Arbeitsplätze, Lounge, Auditorium, Ausstellungsflächen, ein Außenklassenzimmer im Sommer für die Architekten und zusätzlichen Platz für die Bau-Ingenieure beherbergen soll. Mit der Ausführung wurde das Planungsbüro "tga5" beauftragt.

Platznot macht erfinderisch. Das Atrium hat vier Kellerflügel, "einer war ungenutzt", sagt Prof. Henning Baurmann, Dekan am Fachbereich Architektur. Um den enormen Studierendenzuwachs zu bewältigen, hatten die Architekten bereits alle Raumreserven aufgebraucht. Seminarräume waren in Arbeitszimmer für die Projektarbeiten der Studierenden umgewandelt worden. "Das hat sich bewährt, aber ein Lernzentrum fehlte", sagt Baurmann. Das kommt nun unterirdisch. Der Dekan spricht von einem "Quantensprung für den Fachbereich" und einem wichtigen "Signal an die Studierenden". Dass sich Studierende bei der Campusentwicklung und Projektrealisierung engagieren, begrüßt h_da-Kanzler Nobert Reichert ausdrücklich: "Das sollten wir als Hochschule leben und wollen wir auch künftig verstärken."

Rund 5.000 Studierende mehr in nur sechs Jahren. Aktuell sind 16.136 Hochschülerinnen und Hochschüler an der h_da eingeschrieben - so viele wie nie zuvor. Baulich versucht die h_da Schritt zu halten. Von 2007 bis 2025 wurden und werden rund 185 Millionen Euro über den Hochschulpakt 2020 und das HEUREKA-Programm des Landes Hessen in Um- und Neubauten auf dem Campus Schöfferstraße und in Dieburg investiert (siehe auch Infokasten). So wurden zwei neue Hörsaalgebäude auf dem zentralen Campus in Darmstadt errichtet, eine Fahrzeughalle gebaut, ein Lernzentrum mit direktem Zugang zur Bibliothek eröffnet und 2017 wird der lang ersehnte Neubau des Fachbereichs Chemie- und Biotechnologie in Betrieb gehen. Die Hochschule wächst mit hohem Tempo und die Verdichtung am Campus Schöfferstraße ist enorm.

"Die Campusentwicklung", betont Kanzler Norbert Reichert, "muss qualitativ und quantitativ den Studierendenzuwachs unterstützen." Nicht nur neue Gebäude sollen daher entstehen, auch seine Aufenthaltsqualität müsse der Campus behalten und verbessern, unterstreicht er. Wo, welche Neubauten entstehen sollen, Umbauten geplant oder Grünflächen vorgesehen sind, dokumentierte die "Planungswerkstatt" der Hochschule, die 2013 und 2014 zusammen mit Architekten und Stadtplanern, Vertretern der h_da, der Stadt, der Ministerien und des Hessischen Baumanagements initiiert wurde, berichtet Barbara Henrich, Leiterin der Abteilung Bau und Liegenschaften der h_da.

Ein zentrales Projekt dieser Planung ist derzeit das Studierendenhaus, das bis 2020 auf der Fläche des heutigen Mitarbeiter-Parkplatzes vor dem Hochhaus gebaut werden soll. 27 Millionen Euro sind für den Neubau samt Tiefgarage, die als Ersatz für die Stellplätze dienen soll, eingeplant. Der Architekten-Wettbewerb hat begonnen, 20 Büros wurden um Entwürfe gebeten. Eine Jury wird Ende März 2017 entscheiden. Besondere Bedeutung, sagt Abteilungsleiterin Henrich, hat das Projekt, weil die Hochschule es in eigener, sogenannter projektbezogener, Bauherrschaft errichtet und auch das finanzielle Risiko trägt, falls es teurer als 27 Millionen Euro werden sollte.

Das viergeschossige Gebäude wird Platz für zusätzliche Seminarräume sowie Lern- und Arbeitsbereiche schaffen, doch auch alle Serviceangebote für Studierende sollen hier gebündelt werden. Das Student Service Center wird ins Haus ziehen, das International Office, das Prüfungsamt, das Career Center ebenso wie das Familienbüro, das Kompetenzzentrum Lehre plus. Psychosoziale Beratungsstellen oder auch die Agentur für Arbeit sollen Beratungsräume nutzen.

Das Studierendenhaus soll das neue Entree der h_da - auch in Richtung Stadt - werden. Ein zentraler Empfangsbereich wird entstehen, der als Portal zum Campus Schöfferstraße dienen soll. Dieser Aspekt ist Kanzler Reichert wichtig. "Als Hochschule prägen wir das Viertel. Wir wollen uns mehr öffnen - auch für die Anwohner." Die ebenfalls dort geplante "Menseria" soll daher drinnen und draußen Sitzplätze anbieten und zu einem Ort der Begegnung und Kommunikation werden. Passen würde dazu auch ein Seminarprojekt von Bauingenieur-Studierenden, die eine Teilsperrung der Schöfferstraße vorschlagen, um die trennende Wirkung der Straße für den Campus aufzuheben und einen Platz zu schaffen mit Grün und Sitzmöglichkeiten.

Wohlfühl-Orte nennt der Bauingenieur Jürgen Follmann das. Der Professor ist Mitglied der vor gut einem Jahr gegründeten Mobilitätskommission der Hochschule. In dem Gremium ist ein Konzept für eine Bewegungsmeile entstanden, die unter dem Titel "Der Hochschule ein Gesicht geben" die Öffnung der h_da nach außen vertritt und dabei auch auf Orte mit Erlebnis- und Aufenthaltsqualität setzt. Geplant ist ein 2,5 Kilometer langer Rundweg, der die Orientierung auf dem Campus erleichtert und für körperliche Betätigung sorgen soll. Volleyballnetze, Basketballkörbe und Tischtennisplatten sollen aufgestellt oder kleine Sportkurse angeboten werden. Die Bewegungsmeile soll Standorte am Haardring, Birkenweg und an der Schöfferstraße als eine Art wissenschaftlicher Erlebnispfad verbinden. Acht Fachbereiche und neun weitere Hochschuleinrichtungen unterstützen die Idee. Der Weg könnte etwa zu den Betonkanus der Bauingenieure, den Sitzmöbeln der Innenarchitekten oder den 300 Stundenkilometer schnellen Inlineskates der Kunststofftechniker führen. "Das ist Wissenschaft zum Anfassen", findet Jürgen Follmann. Selbst h_da-Angehörige wüssten nicht immer, was alles an der Hochschule passiert. Auch Kanzler Norbert Reichert ist überzeugt, "dass die Hochschule dadurch sichtbarer wird". Finanziert werden soll die Bewegungsmeile aus QSL-Mitteln der Hochschule.

Die vielen kreativen Ideen der Campusgestaltung zeigen: "Wir wollen uns in allen Bereichen als Hochschule weiterentwickeln", sagt der Kanzler. Doch eine zentrale Herausforderung bleibt die Fläche, auf der sich die Hochschule am Standort Schöfferstraße ausdehnen kann. Die müsste mitwachsen, aber hier stößt die h_da immer mehr an Grenzen. Bis Ende 2017 hat die Hochschule beispielsweise einen Teil des ehemaligen Echo-Geländes gepachtet und dort Container aufgestellt, die als Seminarräume dienen. Weil das Areal der Zeitung an einen privaten Investor veräußert wurde, muss dieses Gebäude bis Sommer weichen. Doch wohin? "Die Container werden weiterhin benötigt", so Reichert. Ob in Darmstadt oder am Campus Dieburg muss noch entschieden werden. Für die temporäre Nutzung ergeben sich an beiden Standorten Probleme. In der Schöfferstraße müssten sie auf der Wiese vor dem Atrium stehen, die aber eigentlich als grüner Aufenthaltsort frei bleiben soll. In Dieburg stellt sich das Problem des Denkmalschutzes, unter dem das gesamte Bauensemble steht.

Bauabteilungsleiterin Barbara Henrich sieht durchaus noch Potenzial für Nachverdichtungen am Campus Schöfferstraße, aber dafür müssen die Parkplätze überbaut und durch teure Tiefgaragen ersetzt werden. Dem Stellplatzproblem versucht die h_da derzeit mit einem Mobilitätskonzept zu begegnen, das die Nutzung von ÖPNV, Jobticket und Fahrrad stärkt.

Die größte Herausforderung bleibt laut Kanzler Norbert Reichert die heranrückende Wohnbebauung am Campus Schöfferstraße. "Das ist eine kritische Entwicklung für uns." Und das gleich aus zwei Gründen. "Wir sind eine Hochschule der angewandten Wissenschaften. Unser Schwerpunkt liegt auf Ingenieur- und technischen Studiengängen. In unseren Laboren zischt, raucht und stinkt es auch schon mal." Das kann zu Konflikten über Lärm oder Gerüche mit der Nachbarschaft führen. Bisher war das so genannte Verlegerviertel ein Mischgebiet aus Gewerbe und Wohnnutzung, doch mit dem Verkauf des Echo- und auch des Prinovis-Areals an der Ecke Berliner Allee/Haardtring verändert sich das gerade. Die Wohnnutzung im direkten Umfeld nimmt zu. "Die Anforderungen an uns steigen und für uns als praxisorientierte Hochschule wird es dann schwierig, unseren Bedarf an Laborarbeitsplätzen zu realisieren." Ein Beispiel ist die Turbinenhalle, in der eine Flugzeugturbine zu Lehr- und Forschungszwecken in Betrieb ist. Die Halle muss aus Platzgründen an die unmittelbare Campusgrenze zum geplanten Wohngebiet auf dem Echo-Gelände umgesetzt werden, wenn die neue Laborhalle Produktionstechnik bis 2020 an eben dieser Stelle realisiert wird.

Die Hochschule war am Erwerb des Echo-Geländes sehr interessiert. Das Areal wäre ideal gewesen zur Arrondierung der h_da. "Wir sind enttäuscht und verwundert, weil wir noch nicht einmal ein Angebot abgeben konnten", sagt der Kanzler. Gleichzeitig könne die Hochschule angesichts der rasant steigenden Immobilienpreise gar nicht angemessen mitbieten. "Wir sind chancenlos auf dem Immobilienmarkt", so Reichert. Mit der Planungswerkstatt von 2013/14 zusammen mit der Stadt sei eine gute Entwicklung für die Hochschule ehemals vorgezeichnet gewesen. "Jetzt müssen wir klären, ob unserer Zukunftsperspektiven am Campus Schöfferstraße noch realisierbar sind, wenn wir keine Ausweichflächen mehr haben. Wir müssen uns überlegen, wo unsere Zukunft stattfindet und vielleicht brauchen wir irgendwann einen anderen, dritten Standort." Astrid Ludwig

HOCHSCHULPAKT 2020:

Mit dem Hochschulpakt 2020 investiert die Hessische Landesregierung insgesamt neun Milliarden Euro von 2016 bis 2020 in die Finanzierung der Hochschulen und Universitäten in Hessen. Damit will sie dem Fachkräftemangel begegnen und den steigenden Studierendenzahlen Rechnung tragen. An der Hochschule Darmstadt sind aktuell 16.136 Studierende eingeschrieben. Das sind rund 5.000 Studentinnen und Studenten mehr als noch im Jahr 2010.

Die Mittel aus dem Hochschulpakt 2020 Bau-INVEST sind zweckgebunden und sollen nur für Baumaßnahmen ausgegeben werden, die im engen Zusammenhang mit dem Aufwuchs an Studierendenzahlen stehen.

In einer ersten Phase erhielt die h_da aus dem Hochschulpakt 2020 rund vier Millionen Euro für Baumaßnahmen. Die wurden für die Errichtung des ersten von zwei neuen Hörsaalgebäuden (C19) auf dem Campus Schöfferstraße eingesetzt.

In Phase zwei flossen rund 16 Millionen Euro an die Hochschule - davon wurde der zweite Zwillings-Hörsaalbau (C20) auf dem zentralen Campus finanziert, das Haus der Energie (D21) in der Holzhofallee, der Bau der Fahrzeughalle (C21) und das neue Lernzentrum direkt angrenzend zur Zentralbibliothek in Gebäude D10.

In Phase drei - mit rund 31 Millionen Euro die kostenintensivste - soll bis 2020 das neue Studierendenhaus an der Schöfferstraße für rund 27 Millionen Euro entstehen sowie im gleichen Zeitraum eine Laborhalle für die Produktionstechnik in direkter Nachbarschaft zur neuen Fahrzeughalle.

HEUREKA:

Das Hochschulbau-Investitionsprogramm HEUREKA (Hochschul Entwicklungs- und Umbauprogramm: RundErneuerung, Konzentration und Ausbau von Forschung und Lehre in Hessen) startete 2007 und ist langfristig bis in das Jahr 2025 und länger angelegt. HEUREKA ist in der ersten Phase mit drei Milliarden Euro dotiert. Das Programm soll helfen, die Infrastruktur der Hochschulen langfristig an die hohen Anforderungen moderner Forschung und Lehre anzupassen. Dabei geht es auch um das Thema Nachhaltigkeit und die klimaeffiziente- und energetische Modernisierung von Hochschulgebäuden.

In einer ersten Phase erhielt die h_da daher 100 Millionen Euro für die Sanierung ihres Hochhauses auf dem Campus Schöfferstraße (ca. 50 Mio. Euro), Modernisierungsmaßnahmen auf dem Campus Dieburg sowie den Neubau für den Fachbereich Chemie-und Biotechnologie (ca. 36 Mio.) an der Stephanstraße, der im Sommer 2017 bezogen werden soll.

In einer zweiten Phase zahlt das Land von 2021 bis 2025 nochmals 35 Millionen Euro für weitere Instituts-Neubauten, die auf dem Parkplatz zwischen dem Chemie- und Biotechnologie-Neubau und Wasserbauhalle und anstelle des in den 1980er Jahren errichteten Provisoriums für die Maschinenbauer auf dem Campus Schöfferstraße entstehen sollen. Die genaue Nutzung ist noch nicht festgelegt. Der wegfallende Parkplatz soll durch eine Tiefgarage ersetzt werden.

Quelle: campus_d Ausgabe 18, Winter 2017

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